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Umfrage unter US-Firmen: Standort Deutschland attraktiv wie lange nicht

2007.03.29

US-Investoren schwärmen wieder für den Standort Deutschland. Eine Studie der Amerikanischen Handelskammer lobt die Erfolge der jüngsten Reformpolitik. Um den Standard zu halten, braucht es jedoch dringend neue Ingenieure und Informatiker.

Berlin - Unerwartetes Lob von einem Amerikaner wurde heute Altbundeskanzler Gerhard Schröder zuteil. Der Präsident der Amerikanischen Handelskammer in Deutschland, Fred B. Irwin, führte die blendende Stimmung hier zu Lande zumindest indirekt auf die von der rot-grünen Regierung auf den Weg gebrachten Reformen zurück. "Die Große Koalition, die derzeit in Berlin regiert, bringt zwar keine großen Reformen auf den Weg, aber sie macht auch nichts Schädliches". Dagegen verdienten die von dem damaligen Bundesarbeitsminister Wolfgang Clement (SPD) durchgesetzten Arbeitsmarktreformen höchste Anerkennung.

Maschinenbau: Standort Deutschland gewinnt Ansehen zurück DPA

Maschinenbau: Standort Deutschland gewinnt Ansehen zurück

Die Veränderungen haben inzwischen auch die US-Unternehmen registriert. Als Standort für Investitionen ist der Ruf Deutschlands jenseits des Atlantiks so gut, wie schon lange nicht mehr. Das jedenfalls ergab eine Umfrage, die die AmCham gemeinsam mit der Unternehmensberatung Boston Consulting vorgestellt hat. Insgesamt haben darin rund 80 Unternehmen ihre Einschätzungen formuliert, Noten verteilt und Auskunft über ihre Pläne für Investitionen gegeben.

Da die Studie bereits zum vierten Mal in Folge durchgeführt wurde, konnten ihre Autoren Veränderungen in der Wahrnehmung und mögliche Trends herausarbeiten. Das Ergebnis in Kurzform: Mit 130 Milliarden Euro sind US-Konzerne in Deutschland engagiert. Damit liegen die Investitionen so hoch wie in keinem anderen EU-Staat. Die Zahl der Unternehmen, die 2006 ihre Investitionen in Deutschland gesteigert haben, ist von rund 32 Prozent im Jahr 2005 auf etwa 56 Prozent gestiegen. Die Zahl der Beschäftigten, die hier zu Lande bei einem amerikanischen Unternehmen angestellt sind, beträgt zurzeit rund 800.000 - Tendenz steigend.

Umfrage: Standort Deutschland attraktiv wie nie

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Besonders bemerkenswert aber scheint den Autoren der Studie der festgestellte Imagegewinn des Standortes. "Die Daten für sich sind schon eindrucksvoll", sagt Martin Koehler, Geschäftsführer von Boston Consulting. "Für die Beurteilung der Zukunftsperspektiven ist aber die Stimmung viel entscheidender. Und in dieser Hinsicht hat ein substantieller Wechsel stattgefunden, ein 'emotionaler Turnaround' sozusagen".

Fast alle Kennzahlen positiv

Tatsächlich weisen nahezu alle Kennzahlen einen positiven Trend auf: 53 Prozent der befragten Manager gaben an, dass sich die Attraktivität des Wirtschaftsstandorts Deutschland leicht beziehungsweise stark verbessert habe. In den Vergleichsjahren zuvor waren es lediglich 36 beziehungsweise 22 Prozent. Entsprechend zuversichtlich fallen die Zukunftspläne aus: 80 Prozent erwarten in diesem Jahr Umsatzzuwächse, 57 Prozent (Vorjahr: 44 Prozent) wollen ihre Investitionen erhöhen und 40 Prozent (31 Prozent) die Zahl der Beschäftigten.

Angesiedelt seien in Deutschland speziell Vertriebszentralen und Marketingabteilungen, erklärte Koehler. Das sei zum einen auf den großen Absatzmarkt mit 80 Millionen Konsumenten zurückzuführen, zum anderen auf die günstige Lage Deutschlands mitten in Europa und auf die gute Infrastruktur. Die Studie zeige aber auch, dass US-Unternehmen wieder mehr in Deutschland produzierten, fügte Koehler hinzu. Bei der Fertigung komplexer Bauelemente seien einige US-Firmen aus Osteuropa wieder in die Bundesrepublik zurückgekehrt.

Deutschland liegt zwar als Standort für Firmenzentralen in Europa an der Spitze. Osteuropa bleibe allerdings mit Abstand die Nummer eins bei Investitionen. Vor allem bei Produktionsstätten hätten Länder wie Rumänien und Tschechien wegen geringerer Lohnkosten oft die Nase vorn, hieß es. "Die deutsche Arbeitsgesetzgebung ist das Sorgenkind der US-Investoren", betonte Irwin. Die AmCham plädierte für mehr Flexibilisierung etwa beim Kündigungsschutz. Dies sei wichtig, damit die Firmen besser auf kurzfristige Nachfragespitzen reagierten könnten.

Mangel an Ingenieuren

Unter all den positiven Daten machen die Experten allerdings auch einen alarmierenden Trend aus: den wachsenden Mangel an Ingenieuren. Auf dieses Problem sei auch die sinkende Bereitschaft der US-Konzerne zurückzuführen, Forschung- und Entwicklungsabteilungen in Deutschland anzusiedeln. Hinzu komme, dass in Ländern wie Indien und China - aber auch in Rumänien und Tschechien - inzwischen eine neue Generation bestens ausgebildeter Informatiker und Ingenieure bereitstehe, die vergleichbare Leistungen zu einem Bruchteil der Kosten in Deutschland anböten. "Osteuropa ist längst nicht mehr allein die verlängerte Werkbank, sondern auch als Standort für Forschung und Entwicklung attraktiv", sagte Koehler.

Ein wenig ist es aber auch die in Deutschland ausgeprägte Mentalität der Führungskräfte, die den US-Investoren zu schaffen macht. Sie loben zwar die gute Ausbildung des Personals, vor allem die der Ingenieure. Doch wichtiger als typisch deutsche Tugenden wie Zuverlässigkeit und Genauigkeit seien für die Unternehmen Engagement, Eigeninitiative, Teamfähigkeit und Verantwortungsbewusstsein. Hier erhielten die Mitarbeiter nur mittelmäßige Noten. Auch fehle den hiesigen Managern aus Investorensicht der Mut zum Risiko und eine bessere Selbstvermarktung. "Wir brauchen die deutsche Sorgfalt, aber insgesamt sollten deutsche Führungskräfte lernen, sich noch besser zu verkaufen", mahnte AmCham-Präsident Irwin.

Deutschland müsse aufpassen, auf diesem Feld nicht den Anschluss zu verlieren, ergänzte Koehler. Im Zeitalter der Globalisierung seien es nämlich nicht nur Finanzströme und Märkte, die schnell ihre Richtung ändern könnten. "Die Unternehmen sind inzwischen sehr beweglich geworden - und sie investieren dort, wo sie die besten Arbeitskräfte finden."

Spiegel.de

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