Berliner Ehrenbürger Biermann: Verbrechen, Fehler und falsche Feinde
2007.03.26Viele rechneten bei der Verleihung der Berliner Ehrenbürgerwürde an Wolf Biermann mit einem Eklat. Stattdessen wurde eine Lehrstunde in Lyrik und Geschichte daraus. Der Regierende Bürgermeister Wowereit schlug sich tapfer - doch der Liedermacher zog alle Register.
Berlin - Beim Einzug in den Saal schreiten die Gegner noch Seit an Seit. Klaus Wowereit trägt eine pinkrote Krawatte zum dunklen Anzug, Wolf Biermann eine schwarze Lederjacke über dem dunkelblauen Hemd. Die Rollen von Angreifer und Verteidiger sind klar verteilt.
REUTERS
Biermann (Mitte, mit Wowereit r. und Ex-Bürgermeister Momper): "Wegbereiter der Einheit"
Gleich wird der Regierende Bürgermeister Berlins dem deutsch-deutschen Sänger und Dichter Biermann die Ehrenbürgerwürde antragen, obwohl er genau das in den vergangenen Jahren hintertrieben hat und um jeden Preis vermeiden wollte. Die vielen hundert Gäste wissen: Die freundlich lächelnden Herren marschieren gerade zum Duell.
Eine hässliche Vokabel steht in dem lichten, repräsentativen Raum im Roten Rathaus: verbrecherisch. So hatte Biermann den rot-roten Senat noch vor ein paar Tagen auf der Leipziger Buchmesse bezeichnet - nicht zum ersten Mal übrigens. Und nun soll der Chef eben jener "Verbrecherveranstaltung" seinem wortmächtigen Widersacher eine Urkunde aushändigen und ihn auch noch über den grünen Klee loben. "Manche raunen, hier bahne sich ein Skandal an" sagt Wowereit zu Beginn seiner Laudatio und blinzelt kurz in den Kamerapulk - und dann holt der Sozialdemokrat kurz aus: Seinen Senat als verbrecherisch zu bezeichnen gehe "bei aller Freude zur Kontroverse entschieden zu weit".
Dann lobt Wowereit seinen verfeindeten Ehrengast als einen Dichter, der "in einem Vers eine ganze Welt aufscheinen lassen kann", er rühmt ihn als Fackelträger der Aufklärung, der den "Nebel der Diktatur" durchleuchtete, er nennt den 70-jährigen Ex-Berliner einen "Wegbereiter der Einheit." Aber damit der Saal nicht in Süßholzsägemehl erstickt, hat Wowereit auch ein paar Bissigkeiten in seine Rede geschmuggelt; etwa die Anekdote, Biermann habe das Preisgeld einer Senatsauszeichnung Anfang der siebziger Jahre - als er noch in der DDR war - der RAF gespendet, dem damals links und heute rechtsextremen "Rechtsanwalt Horst Mahler zu treuen Händen". Ob Friede Springer, die ein paar Reihen links hinter dem Ex-Kommunisten Biermann sitzt, das schon gewusst hat? Ganz korrekt ist Wowereits fiese kleine Geschichte übrigens auch nicht: Biermann wurde 1969 vom West-Berliner Senat für seine in der DDR verbotenen Platte "Chausseestr. 131" tatsächlich mit dem Fontane-Preis geehrt und schenkte das Geld tatsächlich Horst Mahler, der damals die Kaufhausbrandstifter Andreas Baader und Gudrun Ensslin verteidigte. Die RAF gab es 1969 noch nicht, auch noch keine Terror-Toten, aber dieses Versehen muss man einem Berliner Bürgermeister, der die Zahl der Maueropfer in Talkshows auch nicht immer parat hat, wohl nachsehen.
Biermann, der in Gegensatz zu Wowereit auch bei seinen Irrtümern immer auf der Höhe seiner Zeit ist, bleibt jedenfalls cool. Nachdem die DDR-Jazz-Granden Uli Gumpert und Günther "Baby" Sommer ein paar seiner Melodien variiert haben, steigt der Dichter aufs Podest, grinst schüchtern und fixiert sein Gegenüber mit dem pinkroten Schlips: "Diese Ehrenbürgerei hier ist eine politische Veranstaltung!" Da würde Wowereit nicht widersprechen.
Dann folgen ein paar dialektische Lehrsätze über falsche Freunde und falsche Feinde. Wowereit zählt für Biermann zur letzteren Kategorie. Der Dichter fordert den Politiker indirekt auf, die Koalition mit "meinen ehrlichen Feinden von der PDS" platzen zu lassen, die ihn in den vergangenen Monaten mit "kaderkrampfiger Geschlossenheit" bekämpft hätten. "Nur wer sich ändert, bleibt sich treu" mahnt er - doch was für Biermanns Leben gilt, muss für Wowereits Vita noch lange nicht zählen. Letztlich tobt hier im Rathaussaal unter einem Riesengemälde (Bismarck auf dem Berliner Kongress 1878) der alte Streit zwischen dogmatischen und freigeistigen Linken. Ein Rechter wird Biermann in diesem Leben nicht mehr, selbst wenn er sich mühen würde (was er gar nicht tut).
So singt und redet sich Biermann von einer Anekdote zum nächsten Gedicht, vom preußischen Ikarus zum deutschen Dunkel, von dem, der er mal war zu dem, der er nicht mehr sein möchte. "Berlin habe ich nicht viel zu verdanken, sondern fast alles" sagt er, und es ist wahr: Dieser Wolf Biermann da vorne, der Dichter im Lederdress, der hätte das, was er geworden ist, an Alster und Elbe nie werden können. Das ging nur an der Spree, nur "da wo die Friedrichstraße sacht/ den Schritt über das Wasser macht." Biermann, ein Berliner Heimatdichter? Aber ja.
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Zum Schluss kommt Mollie. Sie ist sechs Jahre alt, sitzt in der ersten Reihe und geht in einen englischsprachigen Kindergarten. Sie weiß nicht genau, was ihr Papa da macht vor dem Rednerpult, aber Papa Biermann lässt alle wissen, dass sie für ihn die größte Auszeichnung aller Zeiten ist. Ein von ihr gemaltes Bild (es zeigt natürlich Papa) hält er in jede Kamera. Mollie hat einen "Hammersatz" drunter geschrieben, den Biermann laut vorliest. "Ich mag Papa, weil er mich zum Lachen bringt." Und so ging ein Skandalereignis an der Spree im Grunde ganz humorig zu Ende. Dass Biermann seine späte Heimkehr nach Berlin aber gar eigentlich nicht witzig, sondern eher zum Wundern findet, kann man in seinem neuen Gedichtband "Heimat" nachlesen. Da zitiert er Arthur Rimbaud, "Je est un autre": Ich traf zwei alte Feinde, treu giftgelbe/ Traf einen immergrünen Freund sogar/ Ich selber aber war nicht mehr derselbe/ Ich ist ein anderer - das ist doch klar!"
Willkommen zurück, Wolf Biermann.
Spiegel.de
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